Christoph Ortmann, Head of Interface Design für BOSCH bei der B/S/H Gruppe
Burkhard Müller, Chief Digital Officer, MUTABOR

Viele Unternehmen beschäftigen sich aktuell mit der Frage, wie sie das Thema Nachhaltig­keit auf ihre Produkte anwenden können. Während die meisten sich bereits mit Lösungen wie nachhaltigen Materialien, Produktionsbedingungen oder dem Thema Recycling auseinandergesetzt haben, werden die eigentlichen Produktnutzer:innen aber noch oft vernachlässigt. Dabei haben diese, durch ihre Art das Produkt zu nutzen, oft einen bedeutenden Einfluss.

Denkt man an eine einfache Waschmaschine, gibt es beispielsweise verschiedene Faktoren, die den Umwelteinfluss der Nutzer:innen bestimmen: Wie viel Wasser benötigt der Wasch­gang, den ich einstelle? Wie viel Strom wird dabei verbraucht? Wie viele Waschgänge starte ich für eine bestimmte Menge an Wäsche?

Viele Menschen würden sich gerne nachhal­tiger verhalten – und doch nutzen wir unsere Haushaltsgeräte oft gedankenlos, ohne uns bewusst zu sein, welchen Einfluss wir haben. Doch was hindert uns genau daran, sie mög­lichst effizient und nachhaltig einzusetzen?

Die Barrieren einer nachhaltigen Gerätenutzung

Gemeinsam haben wir drei Barrierefelder identifiziert, die Menschen davon abhalten, sich nachhaltiger zu verhalten.

Das erste Feld beschreibt die Unsichtbarkeit der Auswirkungen, durch die persönliche Art und Weise ein Gerät zu nutzen: Wir sehen schlicht und einfach nicht, welchen Einfluss wir haben – und manchmal wollen wir es vielleicht auch einfach nicht sehen.

Im zweiten Feld geht es um soziale Orien­tierung. Der Mensch ist ein Herdentier: Wir richten unsere Handlungen oft danach aus, wie » die anderen « um uns herum handeln. Das kann soweit gehen, dass wir andere als Ausrede nutzen, um etwas nicht tun zu müssen.

Das dritte und letzte Feld behandelt das Thema Convenience. Als Menschen sind wir schlichtweg an unsere Routinen gewöhnt und suchen uns immer den komfortabelsten Weg, etwas zu tun – auch wenn diese Lösung vielleicht nicht immer die nachhaltigste ist.

Wie kann man diese Barrieren aufbrechen?

Für das User Interface Design lassen sich aus den Feldern diverse Lösungswege ableiten:

Die Effekte des eigenen Verhaltens sichtbar machen:

Wie kann ein Produkt mir zeigen, welche Auswirkungen mein Handeln hat? Ein Beispiel: Der sogenannte Eco Score eines bekannten Car Sharing Anbieters hatte den Sinn und Zweck, Nutzer:innen den Einfluss ihres eigenen Fahrverhaltens aufzuzeigen, um Fahrer:innen dazu zu bringen, umweltverträg­licher und vorausschauender zu fahren.

Das Verhalten in einen Kontext setzen:

Produkte können um eine soziale Komponente ergänzt werden. Wie schneide ich im Vergleich zu anderen ab? Beispielsweise gibt es heute bereits Smart Metering Lösungen, die den eigenen Energieverbrauch in Relation zur Nachbarschaft setzen. Die Produktnutzung in den Kontext der eigenen Marken-Community zu setzen, gibt Nutzer:innen auch die Möglichkeit, sich außerhalb der eigenen Filterbubble zu vergleichen

Gamification: Anreize setzen

Die richtigen Anreize können helfen, nachhaltiges Verhalten zu fördern.

Beispielsweise könnten verschiedene Formen der Incentivierung Teil der User Experience werden. Wer sich besonders nachhaltig verhält, erhält vielleicht bestätigende und motivierende User¬Feedbacks oder sogar besondere Vorteile. Aber Vorsicht: Die Nutzer:innen sollten sich natürlich zu nichts gezwungen fühlen.

Nudging: Es Nutzer:innen so einfach wie möglich machen

Convienience is key. Warum machen wir es Nutzer:innen also nicht so leicht wie möglich, sich wirklich nachhaltig zu verhalten? Nachhaltige Funktionen sollten einfach erreichbar sein und wenig Aufwand benötigen. Nicht zu unterschätzen ist auch die » Power of Defaults «: Wer den Eco-Mode zum Standard macht, sorgt sicherlich für einen Anstieg der Nutzung. Dies funktioniert auch in die andere Richtung: Ein notwendiger Opt-Out könnte die Nutzer:innen nochmal überdenken lassen, ob sie eine weniger nachhaltige Funktion nutzen möchten.

Wichtig ist bei all diesen Themen, die Nutzer:innen zu keiner Zeit zu verärgern. Etwaige Nudges oder Funktionen müssen entlang der Nutzer:innen Journey an den richtigen Stellen gesetzt werden. Zusätzlich kommt es immer auf die richtige Tonalität an.

Dennoch ist eines sicher: Das User Interface Design als direkte Schnittstelle zu den Nutzer:innen ist ein riesiger Hebel zu mehr Nachhaltigkeit – dieses Potential will genutzt werden.

„Wie nachhaltig ein Produkt ist, entscheidet sich letztlich bei den Nutzer:innen. User Interfaces können spielerisch nachhaltiges Verhalten fördern und sind damit ein entscheidender Baustein für eine nachhaltige Gesellschaft.“ Christoph Ortmann, Head of Interface Design für BOSCH bei der B/S/H Gruppe