Im Interview mit Werben & Verkaufen geht Heinrich Paravicini ins Detail: Warum wir vorerst aus alles Awards aussteigen, worin wir stattdessen investieren und warum wir keine Angst haben vor Reputationsverlust.

 

W&V … »Die Liste der Award-Aussteiger wird länger: Nun hat auch Mutabor beschlossen, 2021 keine Arbeiten einzureichen. Ein Novum für die Agentur des ehemaligen ADC-Präsidenten Heinrich Paravicini.

Jetzt also auch Mutabor. Die Hamburger Designschmiede will in diesem Jahr keine Arbeiten bei Kreativwettbewerben einreichen. Und befindet sich damit in guter Gesellschaft. Etliche Agenturen wollen aussetzen oder auch nur eine kleine Zahl von Award-Shows mit eigenen Arbeiten bestücken. So haben sich Jung von Matt und Grabarz komplett ausgeklinkt, Grey und Thjnk wollen nur mehr bei drei, vier Wettbewerben mitmachen. Ein Gespräch mit Mutabor-Co-Gründer und Mitinhaber Heinrich Paravicini.

Herr Paravicini, noch vor wenigen Wochen waren Sie ADC-Präsident. Für den Kreativclub ist der gleichnamige Wettbewerb der wichtigste Event, manche sagen fast die Daseins­berechtigung schlechthin. Sie reichen nicht mehr ein? Das dürfte nicht gut rüberkommen.

Ich darf Sie da beruhigen, ich habe natürlich schon mit meinen Kollegen beim ADC gesprochen und dem ist nicht so. Für viele Agenturen, zum Beispiel Scholz & Friends, Thjnk & Co oder JvM ist es seit Jahren üblich, Award-Pausen einzulegen, ohne dass man gleich die Branche gegen sich aufbringt. Aber in der Tat wäre es im Amt als ADC-Präsident ein falsches Signal gewesen und wird eventuell auch für JvM zur Herausforderung, die ja die aktuelle Präsidentin stellen.

Ist es eine Pause oder will Mutabor dauerhaft dem Award-Zirkus den Rücken kehren? Wenn nicht, wie lange wollen Sie aussetzen?

Um hier eine definitive Aussage zu treffen, ist es noch zu früh. Wir planen anstatt der Awards eine Reihe anderer Maßnahmen in Sachen Eigenkommunikation, die unsere Reputation als einer kreativsten Companies abseits von Rankings hochhalten werden. Wenn alles so kommt wie geplant, kann die Pause auch länger als ein Jahr dauern. Aber gegebenenfalls steigen wir auch ergänzend wieder ein. Das wird die Zukunft zeigen.
Das Award-Budget fließt in CSR-Maßnahmen

Weshalb gerade jetzt? Aus wirtschaft­lichen Gründen? Um Geld zu sparen?

Wir sind, Gott sei Dank, durch Corona nicht in eine wirtschaftliche Schieflage geraten, sondern konnten unseren Ausfall im Eventgeschäft durch unser starkes Wachstum im Digital- und Brand-Identity-Bereich wettmachen. Also nein, das sind keine Sparmaßnahmen. Wir werden das gesamte bisherige Award-Budget ab jetzt nachhaltiger investieren: in CSR- Maßnahmen und deren Kommunikation. Dafür schaffen wir unter anderem zwei Arbeitsplätze.

Wieviel Geld haben Sie in den vergangenen Jahren pro Saison in Wettbewerbe investiert?

Immer einen sechsstelligen Betrag. Aber keinen hohen.

Wenn es nicht das Geld ist, was stört Sie an den Wettbewerben?

An Kreativwettbewerben stört mich per se überhaupt nichts. Es ist sehr wichtig, sich zu challengen und mit Kollegen über die beste Lösung zu streiten. Wir haben das schließlich auch fast 20 Jahre mit Hingabe gemacht und ich habe mich persönlich sehr stark dort engagiert. Seit 2002 haben wir konsequent unseren Namen als Kreativagentur über Awards und die PR darum aufgebaut. Nach über 600 Awards, diversen Grand Prix und Titeln, wie ‚Agency of the year‘ des Red Dot und hunderte Nägel in allen Farben hat der Markt in Deutschland verstanden, dass wir ständig kreative Spitzenleistungen, auch über einen langen Zeitraum, abliefern. Wir wollen einfach etwas Neues probieren.

Sie sprechen von CSR-Projekten. Können Sie da Beispiele nennen?

Wir arbeiten gerade an unserer CSR Agenda. Ich kann soviel sagen, dass wir verschiedenen kreative Initiativprojekte mit den Schwerpunk­ten Nachhaltigkeit und Digitalisierung planen. Wir wollen dazu inspirieren, Design-Lösungen etwa für Nachhaltigkeit oder Chancengleich­heit mehr Raum zu geben. Als Designer haben wir gerade in dieser Zeit eine große Verant­wortung. Und das Bewusstsein für Themen wie Nachhaltigkeit und CSR ist jetzt so stark wie noch nie.
Ein erstes Projekt ist bereits vor Weihnachten gestartet und wird im Sportjahr 2021, der japanische Premier hat ja gerade das Stattfinden von Olympia bestätigt, sicherlich einiges an Nachhall finden: Die Kampagne namens ‚Sports4Trees‘ setzt sich für die Wiederaufforstung der lebensnotwendigen Wälder auf diesem Planeten, darunter in Afrika ein. Die Idee: Sportlerinnen und Sportler motivieren ihre Kollegen, Fans und Follower mitzumachen. Menschen wie Dietmar Hopp, der FC Bayern oder die deutsche Sportjugend im DOSB unterstützen bereits. Wir sind Kreativpartner in dem Projekt und arbeiten pro bono. 2021 werden noch weitere Projekt dieser Art sowie eigene Initiativen folgen.

Ohne Wettbewerbe, keine Berück­sichtigung in Kreativrankings und damit weniger Sichtbarkeit. Schaden Sie sich damit nicht selbst?

Da wir im Umsatzranking der Design­agen­turen mit einem zweiten Platz hervorragend positioniert sind, glauben wir nicht, dass wir jetzt in der Versenkung verschwinden werden. Und zum Thema Sichtbarkeit: Wir setzen vermehrt auf Social Media – vor allem auf LinkedIn und Instagram. Und natürlich sind unsere geplanten neuen Aktivitäten auch auf die Kommunikation in diesen Kanälen aus­gerichtet. Wir glauben, dass wir mit den kreativen Themen, die uns antreiben, durchaus Sichtbarkeit haben werden. Und falls wir feststellen, dass unsere Wettbewerber uns allzu sehr im Kreativranking vermissen, dann werden wir darauf sicher eine Antwort haben.

Es heißt oft, dass gute Platzierungen in Rankings wichtig fürs Recruiting ist. Was setzen Sie dagegen?

Das ist sicherlich nicht falsch. Was aber auch wahr ist, dass potenzielle Mitarbeiter von Designagenturen sich auch immer stark auf den Social Plattformen über ihren zukünftigen Arbeitgeber informieren. Hier gibt es klare Vorteile gegenüber klassischer Award­kom­munikation: Ein kreativer Beitrag etwa auf Instagram ist dann besonders attraktiv, wenn das Thema aktuell diskutiert wird. Ein Post über einen Kreativaward für ein Thema, das manchmal mehr als ein Jahr alt ist, performed da deutlich schwächer. Darum sollen unsere kreativen Initiativen in Zukunft immer social first gedacht sein. Wer dort fasziniert, der ist für Bewerber interessant.

 

Das Interview führte Peter Hammer.

Quelle: W&V