Burkhard Müller
Executive Partner, Chief Digital Officer

Social Distancing wird uns und unsere Gesellschaft verändern: Wie wir arbeiten, lernen, einkaufen, miteinander kommu­nizieren und uns umeinander kümmern. Das Corona­virus beschleunigt Verän­derungen und wird flächendeckenden Bedarf für neue, disruptive Lösungen wecken. 18 Domänen, in denen wir einschneidende Veränderungen sehen:

Keine Krise der letzten 30 Jahre hatte flächendeckend Auswir­kungen auf unser Privatleben.

Uns ging es immer gut, echte Verände­rung war nicht entscheidend und schon gar nicht existenziell notwendig. Jetzt sind wir alle gezwungen uns umzustellen, von heute auf morgen.

Nur 12%* der Deutschen hatten bisher die Möglich­keit für Homeoffice, aktiv genutzt haben es wahr­scheinlich deutlich weniger. Warum auch immer Arbeitgeber es nicht anbieten wollten oder Arbeit­nehmer es nicht mehr genutzt haben – jetzt durchlaufen wir alle unser New Work Bootcamp und lernen die Vorteile und Nachteile kennen. Das wird mit dem Ende der Pandemie nicht einfach verschwinden. *Stern, Januar 2019

Wo wird es Veränderungen geben?

1. Remote Work: Meetings und Workshops von unterwegs

Bis zuletzt gehörte es zum guten Ton, persönlich zu Terminen zu erscheinen. Sich von zuhause per Video hinzu zuschalten hatte den Beigeschmack, die Sache nicht ernst zu nehmen. Auch #Fridaysforfuture hat daran nichts geändert – höchstens, dass einzelne die Bahn dem Flieger vorgezogen haben.

Nun erleben wir, dass Chemistry Meetings, Abstim­mungen, Pitchpräsentationen, selbst Workshops per Videokonferenz nicht nur gut funktionieren, sondern sogar effizienter sind, weniger Zeit in Anspruch nehmen, sie Umwelt schonen und vor allem weniger Geld kosten.

In Zukunft werden Videokonferenzen die logische erste Wahl sein, ohne Beigeschmack.

2. Remote Learning: Lernen von zuhause

Die Schulen sind geschlossen, aber der Unterricht muss irgendwie weitergehen. Schulen müssen sich jetzt digitalisieren. E‑Learning ist nichts Neues, Kinder lernen heute schon spielerisch auf Smart­phones und Tablets. Neu ist es vor allem für Lehrer, die in kürzester Zeit ihren Lehrplan und die Art, wie sie ihre Klasse unterrichten, ändern. Genauso wie beim Homeoffice auf der Arbeit müssen die Kinder nun selbst mehr Verantwortung übernehmen und sich besser organisieren, erhalten dafür aber mehr Freiheit und Flexibilität. Unser Bildungssystem könnte hiervon den nötigen Impuls bekommen, sich zu erneuern.

3. Telehealth: Diagnosen per Videochat

Wahrscheinlich kennt jeder das ungute Gefühl, beim Arzt im Wartezimmer neben lauter vermeintlich kranken Menschen zu sitzen. Es hat aber das Coronavirus gebraucht, um Vordiagnosen per Telefon oder Videochat zu etablieren. Es geht schnell, ist effizient und gefährdet niemanden im Wartezimmer und auf dem Weg zum Arzt.

Video-Sprechstunden-Services wie Kry, haben nun ihren Blockbuster-Moment. Das schwedische Startup reagiert solidarisch und schlau:

Kostenlos sind derzeit Videosprechstunden für Patienten, die einen COVID-19-Verdacht haben. Dafür muss der Patient bei der Buchung des digitalen Arztbesuchs »Coronavirus (COVID-19)« als Symptom angeben.

ada, das Health-Startup aus Berlin, setzt hingegen auf KI gestützte Symptom­analyse. Patienten können ihre Symptome im Dialog mit einem Chatbot angeben und erhalten eine Vordiagnose (Bild unten) inklusive Wahrscheinlichkeit und Handlungs­empfehlung. Umgekehrt unterstützt ada Ärzte auf dieselbe Weise, bessere Diagnosen in kürzerer Zeit zu treffen. Die App lernt so stetig hinzu. Ärzte profitieren vom Wissen aller anderen Ärzte, Patienten erhalten bessere Symptomanalysen.

4. Drone Delivery: Medikamente liefern lassen, ohne Andere anzustecken.

Viele Menschen befinden sich derzeit aus Vorsicht in Selbstisolation und wollen sich auf das Coronavirus testen lassen.

Drohnen könnten diesen Menschen die notwendigen Tests zustellen, ohne das Haus zu verlassen oder mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. In Zukunft können Menschen auf diese Weise komplett kontakt­los behandelt werden. Zudem steigt die Chance, dass sich Krankheiten weniger schnell ausbreiten.

5. Digitale Inklusion: Ältere Menschen am Sozialleben teilhaben lassen

Ältere Menschen, die alleine leben, haben es in diesen Tagen besonders schwer. Sie sind die Zielgruppe, die wir am meisten vor dem Coronavirus schützen müssen. Aber soziale Kontakte sind für sie besonders wichtig. Der Besuch von Familie und Bekannten ist für viele der einzige Höhepunkt.

Als Digital Natives haben wir schnell Workarounds gefunden. Bei Mutabor haben wir unseren Apéro, der jeden Freitagabend stattfindet, einfach in Microsoft Teams verlegt und verabreden uns zum Frühstück oder Mittag mit Kollegen.

Ein Tablet mit Skype, Teams, Zoom oder Twitch kann alten Menschen nun ganz besonders helfen, nicht zu vereinsamen und weiter am Sozialleben teilzuhaben.

6. Shareconomy: Nachbarschaftshilfe

Aktuell erleben wir eine Welle der Solida­rität. Um sich untereinander zu helfen, organisieren sich Nachbar­schaften, lokale Facebook-Gruppen werden ge­grün­det und Webservices werden gelauncht. Schöne Beispiele sind die #Coronahilfe Hamburg, https://wirhelfen.eu, um sich gegenseitig zu helfen.

nebenan.de hat nun seinen großen Moment. App und Website bieten die gesamte Infrastruktur, inklusive Karte, Mitteilungen und News, um sich lokal zu organisieren, informieren und gegenseitig zu helfen.

Auf Initiative von Pro Senectute und dem Schweizer Supermarkt Migros wurde die Ende 2019 eingestellte Social-Shopping Plattform AMIGOS wieder aktiviert, um Menschen zu helfen, die nicht selbst­ständig einkaufen können. Schön, dass das Konzept gerade jetzt eine zweite Chance bekommt.

7. Digital Administrative Services: Digitale Behörden­gänge

Was machen wir eigentlich, wenn unsere Behörden alle im Homeoffice sind? Das Online-Zugangs-Gesetz (OZG) verpflichtet Bund und Länder, bis spätestens 2022 ihre Verwaltungsleistungen zu digitalisieren. Ich hoffe, die aktuelle Krise wird kein Grund, den Zeitplan zu reißen, sondern bietet Motivation, früher fertig zu werden.

8. Airbnb Hospitals: Hotels als Krankenhäuser

Krankenhäuser sind kein Ort, an dem man mehrere Nächte verbringen möchte. Hotels sind nicht für medizinische Versorgung ausgestattet. Bringt man beides zusammen, hat man »Urlaub, der Gesund macht«. Die Idee ist nicht neu, viele Schönheits­kliniken funktionieren bereits heute so. Bei einem akzeptablen Preis könnte dieses Konzept nun auf viel Zuspruch treffen und dem einen oder anderen Hotel durch die Krise helfen.

9. Post Pandemic Fashion: Face Masks als Fashion Item

Erst im Januar ist der Grammy Look von Billie Eilish mit Gucci-Face-Mask viral gegangen. Das die neue Slowakische Regierung mit Mundschutz vereidigt wurde war für ebenfalls viele Medien eine Story. Besonders der zum Kleid passende Mundschutz von Staatspräsiden­tin Zuzana Caputova.

In Asien haben Face Masks längst einen festen Platz in Streetfashion. Viele sind Customs die nur mit dem Look und Image von Marken spielen. Off-White, Supreme und A Bathing Ape bieten hingegen schon seit Jahren Face Masks in ihrer Kollektion an.

Spätestens wenn die erste Infektionswelle überstanden ist braucht es Spielregeln für das öffentliche Leben. Es wird auch hier zum guten Ton gehören einen Mund­schutz zu tragen z. B. um das Umfeld vor einer Erkältung zu schützen. Mundschutz wird einen Platz in unserem Alltag finden. Und da er für jeden sichtbar ist wird ein Markt für modische Gesichtsmasken entstehen.

10. Contactless Authentication: Kontaktlos authentifizieren und bezahlen

Kontaktloses Bezahlen ist mittlerweile nahezu überall möglich. Dennoch muss man hier und da den Pin auf einem Terminal eingeben oder einen Stift anfassen, um noch zu unterschreiben. Ich wäre froh, wenn ich gerade jetzt an Kassen und Automaten genauso einfach bezahlen könnte, wie ich mein iPhone entsperren kann.

In Zukunft werden wir Authentifizierungen via Gesichts- oder Iris-Scan auch im Public Space erleben und diesem sehr viel offener gegenüber sein.

11. E-Commerce: Online anprobieren

Wer bisher nicht online eingekauft hat, wird es spätestens jetzt für sich entdecken. Beim Online-Shopping von Kleidung ist das größte Problem, dass man nichts anprobieren kann. Augmented Reality kann dies lösen. Nike hat für seine Shopping App das Feature Nike Fit entwickelt. Mittels AR- und AI-Technologie wird über die Kamera im Smartphone-Kamera die optimale Schuhgröße ermittelt.

12. Digital Gym: Rückenschmerzen professionell von zuhause aus behandeln

Schon nach wenigen Tagen im Home­office vermisst man den ergonomischen Bürostuhl. Sport und Übungen, die den Rücken und die Haltung verbessern, sind auf Dauer sehr wichtig. Trainer haben die Aufgabe zu motivieren und darauf zu achten, dass man Übungen richtig durchführt.

Die Health-App Kaia bietet einen Bewegungscoach, der über die Smartphone-Kamera und AR die Haltung überwacht und dabei hilft, Übungen korrekt durchzuführen.

13. Social VR: Virtuell an Live-Events teilnehmen

Messen und Konferenzen waren die Ersten, die das Coronavirus massiv getroffen hat. Die Branche befindet sich bereits seit Jahren im Wandel, wie Nina Wiemer schon 2019 in ihrem Beitrag Form Follows Followers beschrieben hat. Messestände haben sich bereits in den letzten Jahren zu Sets gewandelt, auf denen Marken, Influencer aber auch normale Besucher Content für Social-Media-Kanäle produzieren – immer mit dem Ziel, möglichst vielen Menschen das Erlebnis näher zu bringen.

Messen können jetzt von VR-Startups lernen und profitieren.

NextVR ist eine Plattform, auf der man vom Sofa aus live an Sport-, und Musik- und sonstigen Entertainment-Events teilnehmen kann. Man kann sich sogar mit seinem virtuellen Sitznachbarn unterhalten, ihn bei Bedarf stummschalten und sich jederzeit umsetzen.

Das totale Tanztheater hat gezeigt, wie eine Oper mit moderner VR-Technik interpretiert werden kann.

Virtuelle Welten sind schon immer Orte gewesen, an denen sich Marken präsentiert haben. Schon in den ersten Autorennspielen gab es Werbetafeln. Fortnite hat mit einem exklusiv im Spiel versteckten Star Wars Trailer Menschen weit über die Grenzen des Multiplayer-Games hinaus erreicht. Mit Facebook horizon wird noch dieses Jahr eine offene VR-Welt eröffnet, in der Menschen sich treffen, unterhalten und spielen können, aber vor allem dazu in der Lage sein werden, die Welt selbst zu gestalten.

Natürlich geht vieles von der klassischen Live-Experience verloren: Anreise, Hotel-Checkin ins Hotel, der Drink an der Bar. Auf der anderen Seite sind in virtuellen Welten der Inszenierung keine Grenzen gesetzt.

Zukünftige Produktpräsentationen, Events und Pressekonferenzen werden virtuelle Welten für sich nutzen, um Menschen auf der ganzen Welt mit beeindruckenden Live-Erlebnissen zu begeistern.

Die physische Live Experience wird trotzdem bleiben, wie Nina Wiemer, ECD bei MUTABOR, vorhersagt:

»Social Distancing stellt eine große Herausforderung im Kampf gegen das Coronavirus dar. Wir können in diesen Tagen auf vieles verzichten, aber unsere sozialen Kontakte fehlen uns besonders. Daher gehe ich stark davon aus, dass es zu einer Renaissance der Live Experience kommen wird. Die Events werden sich überschlagen, da Unternehmen und Kunden ein Nachholbedürfnis verspüren werden. Das Gesicht wird sich aber verändern: Der digitale Anteil wird sich erhöhen und den informativen Teil abdecken. Wir werden uns umso stärker den gemeinsamen Erlebnissen hingeben.«

14. Virtual Architecture: Räume entwerfen, die nicht gebaut werden

Je weiter wir in virtuelle Welten vordringen, umso häufiger werden wir Architekten für vollständige Gebäude und Räume brauchen, die niemals physisch gebaut werden.

Ein inspirierendes Beispiel ist die Arbeit von André Nakonz, die ich hier auf LinkedIn erst vor wenigen Tagen in meinem Stream entdeckt habe.

15. Tourism & VR: Virtuelle Urlaubsreisen

Falls Urlaubsreisen dieses Jahr ausfallen, brauchen wir auch hier einen Plan B, schließlich wohnt nicht jeder in einer schicken Altbauwohnung mit Blick auf den Park. Einfach vom Sofa aus auf einen Berg steigen, am Strand auf den Malediven liegen oder gleich in ganz andere Zeitalter reisen – bisher war das ein Thema für Nerds. Doch das könnte sich schnell ändern, wenn wir erstmal ein paar Wochen in unseren Wohnungen gehockt haben und an Urlaubsplanung nicht einmal zu glauben wagen.

Everest VR oder Inside Tumucumaque sind hier bereits wunderschöne Beispiele.

16. Autonomus Vehicles: Kontaktlos von A nach B.

Aktuell fährt beim Taxi- oder Uber-Fahren immer die Unsicherheit mit, ob die Person, die das Auto steuert, vielleicht infiziert sein könnte. Autonome Fahrzeuge können hier Sicherheit bieten, denn sie kommen ohne Fahrer aus, der wie ein Superspreader fungieren kann. In einem autonomen Fahrzeug reise ich alleine und mit den entsprechenden Materialen könnte sich das Fahrzeug nach jeder Fahrt selbstständig desinfizieren.

Das LOCI Podcar von Daniel Buening, Co-Founder NOWLAB, BigRep ist ein vollständig 3D gedrucktes Autonomus Fahrzeug für die letzte Meile. Das Concept Car löst zudem das Probleme der Produktion.

Ähnliches gilt für Lieferdienste die Essen oder andere Waren nach Hause bringen. Der Lieferroboter von Starship Technologies wird von Hermes und Dominos schon getestet. Wir werden sie in Zukunft sicher häufiger sehen.

17. 3D Printing: Lokale Produktion

Large-Scale 3D Printer von BigRep

Das Outsourcing von Produktionsstätten in andere Länder wird völlig neu diskutiert werden. Wir spüren gerade unsere Abhängigkeit. Zukünftig müssen wir in der Lage sein, selbstständig wichtigste Güter produzieren zu können. 3D Druck kann hier eine Antwort liefern. Flexible Produktionsstraßen würden uns in die Lage versetzen, heute Teile für Schutzmasken, morgen Beatmungsgeräte und übermorgen Ersatzteile für Maschinen mit Lieferengpässen zu produzieren. Vielleicht gibt Adidas auch seiner Speedfactory eine zweite Chance.

Es gibt bereits ein erstes erfolgreiches Beispiel: Einem italienischen Krankenhaus sind die Atemventile ausgegangen und der offizielle Zulieferer hatte keine Möglichkeit kurzfristig zu liefern. Das lokale Startup Isinnova konnte dank 3D-Druck in weniger als 6-Stunden die lebensnotwendigen Teile produzieren.

 

18. Virtual Dating: Digitale Kaffeepause

Was wir aber alle am meisten spüren: Uns fehlen die Freunde und Kollegen. Bisher war gemeinsames Essen vor der Webcam ein eher skurriler Trend aus Asien. In weniger als zwei Wochen ist es nun zu einem festen Bestandteil unseres Alltags geworden.

Dabei ist unterhaltsam zu sehen, dass die Nerds auf einmal die coolen Kids sind. Die sonst so häufig eher ruhigen Kollegen sind im Chat auf einmal die schlagfer­tigeren, mit den besseren Sprüchen und den lustigsten Memes.

Ready or not – Social Distancing wird uns nachhaltig verändern.

Bei aller Sorge über die aktuelle Situation ist für jeden wahrnehmbar, dass nun die Zeit für unzählige Innovationen gekommen ist, denn das Coronavirus und besonders Social Distancing sorgt dafür, dass eine breite Masse der Bevölkerung großen Bedarf an neuen Lösungen hat.

Viele Domänen werden nachhaltig verändert. Mit der Veränderung entstehen aber neue Potentiale, neue Firmen, neue Jobs und ganz neue Berufe.

I’m going to change! 💪